Die klassische VC-Logik basiert auf einem klaren Ablauf: Einstieg in der Frühphase, aktives Wachstum, Exit nach fünf bis sieben Jahren – idealerweise durch einen IPO oder strategischen Verkauf. Doch genau dieses Modell gerät zunehmend ins Wanken. Nicht weil es grundsätzlich falsch wäre, sondern weil die Realität vieler Beteiligungen heute anders aussieht: Start-ups bleiben länger privat, Exits verschieben sich, und strategische Käufer agieren zurückhaltender als noch vor wenigen Jahren. Vor diesem Hintergrund gewinnen sekundäre Märkte für Start-up-Anteile an Bedeutung – sowohl für Gründer als auch für Investoren.
Ein zentrales Problem im traditionellen VC-Modell ist die eingeschränkte Liquidität. Wer früh einsteigt, bleibt oft über Jahre gebunden – unabhängig davon, wie sich Marktumfeld oder Portfoliostrategie verändern. Gerade in Europa, wo IPOs nach wie vor die Ausnahme sind und M&A-Prozesse langwierig sein können, fehlt oft die Möglichkeit, Beteiligungen flexibel zu veräussern oder umzuschichten. Sekundärmärkte schaffen hier neue Optionen: Anteile können innerhalb des Ökosystems weitergereicht werden – etwa an andere Fonds, Family Offices oder strategische Co-Investoren.
Das verändert die Dynamik auf mehreren Ebenen. Für Investoren bedeutet es: weniger binäres Denken, mehr strategische Beweglichkeit. Statt auf ein Exit-Event hinzuarbeiten, können Beteiligungen in Zwischenphasen verkauft werden – etwa um das Portfolio umzustrukturieren, neue Mandate zu bedienen oder Liquidität zurückzuführen. Für Fondsmanager ist das besonders relevant, wenn LPs mehr Flexibilität einfordern oder wenn ältere Fondsvolumen effizienter gemanagt werden sollen.
Auch für Gründerteams sind Sekundärtransaktionen zunehmend relevant. In frühen Phasen war es lange tabu, dass Gründer selbst Anteile verkaufen – aus Angst, das Signal von mangelndem Commitment zu senden. Inzwischen hat sich der Blick darauf verändert. Gerade bei Series-B- oder -C-Runden kann ein teilweiser Secondary-Verkauf Gründer motivieren, langfristig an Bord zu bleiben – und gleichzeitig helfen, private Risiken zu reduzieren, ohne die Kapitalstruktur des Unternehmens zu belasten.
Parallel dazu professionalisieren sich die Strukturen. Immer mehr Plattformen, spezialisierte Broker und Legal-Frameworks ermöglichen strukturierte Sekundärtransaktionen, auch ausserhalb des reinen Club-Deal-Umfelds. Damit entstehen neue Spielräume – nicht nur für institutionelle Fonds, sondern auch für Family Offices, Unternehmerinvestoren und sogar grössere Angel-Investoren, die gezielt in bestehende Cap Tables einsteigen möchten.
In Europa ist dieser Markt noch jung, aber wachsend. Gerade in der DACH-Region und in Skandinavien mehren sich die Beispiele erfolgreicher Sekundärtransaktionen auf Start-up-Ebene – oft im einstelligen Millionenbereich, aber mit grossem strategischen Effekt. Sie bieten Investoren die Möglichkeit, in fortgeschrittene Unternehmen einzusteigen, ohne sich am Aufbauprozess beteiligen zu müssen, und erlauben Frühphaseninvestoren einen geordneten, planbaren Ausstieg.
Gleichzeitig stellt sich eine neue Frage an Fondsstrategien: Ist der klassische Exit eigentlich noch der Massstab? Oder braucht es künftig mehr hybride Modelle, die Sekundärverkäufe als natürlichen Bestandteil der Investmentkette begreifen? Für viele LPs – insbesondere Family Offices und institutionelle Anleger mit langfristigem Fokus – ist genau das zunehmend attraktiv: stabile Firmenbeteiligungen, strategisch getaktet, mit optionalem Ausstieg, statt alles-or-nothing.
Venture Capital ohne Exit ist also kein Widerspruch mehr – sondern ein Zeichen dafür, dass der Markt reifer wird. Sekundärmärkte machen Venture flexibler, realistischer und besser auf langfristige Investorenbedürfnisse abgestimmt. Und genau das könnte die nächste Evolutionsstufe dieser Assetklasse einleiten.